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Michael Wrase/Christian Boulanger (Hg.): Die Politik des Verfassungsrechts

Interdisziplinäre und vergleichende Perspektiven auf die Rolle und Funktion von Verfassungsgerichten
File Inhaltsverzeichnis
Das Inhaltsverzeichnis
File Michael Wrase/Christian Boulanger: Die Politik des Verfassungsrechts – Beiträge für ein Forschungsprogramm
Einleitender Beitrag zum Konzept und Forschungsprogramm des Buchs
File Michael Wrase: Verfassungsgerichtsforschung auf der Schnittstelle zwischen Rechts- und Politikwissenschaften – Überlegungen am Beispiel des Bundesverfassungsgerichts
Der Beitrag nimmt die disziplinäre und methodische Abgrenzung von Politik- und Rechtswissenschaft sowie deren sprachwissenschaftliche Kritik zum Ausgangspunkt, um Überlegungen für eine interdisziplinäre Verfassungsgerichtsforschung anzustellen. Ziel einer solchen Unternehmung sollte es sein, theoretische Modelle zu entwickeln, welche die normativ-rechtliche und die empirische Perspektive miteinander verbinden. Hierfür erscheinen besonders (neo-)institutionalistische Ansätze vielversprechend. Das Konzept der ‚Institution‘ ermöglicht es, sowohl die normative als auch die politisch-soziale Dimension verfassungsgerichtlichen Handelns zu erfassen. So lassen sich beispielsweise Entscheidungen von Verfassungsgerichten und die von ihnen entwickelte ‚Dogmatik‘ (legal doctrine) mehrdimensional, das heißt auch aus einer sozialwissenschaftlichen Perspektive analysieren. ## This chapter takes the disciplinary and methodological differentiation between political science and legal studies and the critique thereof expressed in linguistics as a starting point from which to develop several propositions for interdisciplinary research on constitutional courts. The aim of an exercise of this kind should be to develop theoretical models connecting normative and empirical perspectives. In this regard, (neo-)institutional approaches appear particularly instructive. The notion of the ‘institution’ allows both the normative and the political and social dimension of constitutional court behaviour to be captured. As a consequence, for example, decisions of constitutional courts and their legal doctrine may be subject to a multi-dimensional analysis, i.e. incorporating social science perspectives.
File Oliver W. Lembcke: Autorität der Verfassungsgerichtsbarkeit - eine Skizze in vergleichender Absicht
In vergleichender empirischer Perspektive der Verfassungsgerichtsforschung sind nicht allein die formalen verfassungsgerichtlichen Kompetenzen von Belang. Mindestens ebenso bedeutsam sind die Machtpotentiale, aus denen Gerichte ihre Fähigkeit schöpfen, den zugeschriebenen Funktionen in den unterschiedlich gewaltenteilig organisierten Systemen gerecht zu werden. Dazu bedürfen Verfassungsgerichte der Autorität; sie ist das Proprium verfassungsgerichtlicher Macht. In neo-institutionalistischer Perspektive wird sichtbar, dass es sich bei dieser spezifischen Form der Macht um eine Ressource handelt, an deren Herstellung (oder Erosion) die Rechtsprechung maßgeblich mitwirkt: Die Verfassungsgerichtsbarkeit ist nicht nur Produkt ‚ihrer‘ Autorität, vielmehr tritt sie oftmals auch als Produzent in Erscheinung. Diese Rolle gehört zu jenen Strategien und Instrumenten, mit denen sie bestrebt ist, ihre Unabhängigkeit gegenüber der Politik abzusichern und ihrer Kontrolltätigkeit den nötigen ‚Biss‘ zu verleihen. ## From the perspective of comparative empirical research on constitutional courts, it is not only their formal competences that are of interest. Equally as important are the sources of power from which courts derive their ability to fulfill their assigned functions in different national systems with different approaches to the separation of powers. In that regard, constitutional courts require authority – the defining quality of constitutional court power. Viewed from a neo-institutional perspective, it is evident that this specific form of power should be regarded as a resource that case-law is instrumental in developing (and, equally, in eroding). A constitutional court is not simply a product of ‘its’ authority. Instead, it often operates as the producer. This role as producer constitutes an element of the strategies and instruments with which a constitutional court seeks to ensure its independence from the political domain and endow its review activities with the necessary ‘bite’.
File Christian Boulanger: Rollen und Funktionen der Verfassungsgerichtsbarkeit − eine theoretische Annäherung
Der Begriff der ‚Rolle‘ zieht sich explizit und implizit durch die Literatur zur Verfassungsgerichtsbarkeit, ohne dass er bisher theoretisch aufgearbeitet worden ist. Bei näherer Auseinandersetzung wird schnell die unscharfe Verwendung des Begriffs deutlich: In vielen Publikationen, die den Begriff der ‚Rolle‘ explizit und implizit nutzen, könnte man ‚Rolle‘ auch mit ‚Funktion‘ ersetzen, oftmals werden die Begriffe auch austauschbar verwendet. Der Beitrag regt an, die Begriffe ‚Rolle‘ und ‚Funktion‘ stärker systematisch und reflektiert zu verwenden als bisher. Eine Theorie institutioneller Rollen hilft, so die These, die Entwicklungsprozesse der Verfassungsgerichtsbarkeit in verschiedenen Ländern besser zu verstehen. Ein Grund dafür ist die dreifache Natur des Rollenbegriffs. Er verweist erstens auf das Selbstverständnis und die Selbstdarstellung des Gerichts, zweitens auf die Erwartungen und Zuschreibungen der Zielöffentlichkeiten (Recht, Politik, Zivilgesellschaft, Internationale Öffentlichkeit) und drittens auf die Funktion der Institution im ‚aufgeführten Stück‘. Abschließend werden drei idealtypisch angelegte Rollen untersucht, die des Hüters, des Schiedsrichters und des Gründers. ## Although much academic writing on constitutional courts makes explicit and implicit use of the term ‘role’, this term has not been structured hitherto from a theoretical perspective. On closer examination, the imprecise use of the term is readily obvious. In many publications that make explicit or implicit use of the term ‘role’, the expression could be substituted with ‘function’. Indeed, in many cases the terms are used interchangeably. The chapter proposes that the terms ‘role’ and ‘function’ should be used in a more deliberate and systematic manner. It argues that a theory of institutional roles is helpful for a better understanding of how constitutional courts have developed in different countries. One reason for this lies in the three-fold nature of the term ‘role’. First, it refers to the court’s self-image and presentation. Second, it reflects the expectations and ascriptions conferred by its target publics (the legal system, politics, civil society and an international public). Third, it alludes to the function of the institution in the ‘play as it is performed’. Finally, three ideal types of court role – guardian, arbiter and founder – are examined.
File Roland Lhotta: Verfassungsgerichte im Bundesstaat: Das judizielle Management von föderalen Interaktionsstrukturen in der Bundesrepublik Deutschland, der Schweiz und Österreich
Der Beitrag skizziert das Bundesverfassungsgericht, den österreichischen Verfassungsgerichtshof sowie das Schweizer Bundesgericht als Faktoren und Akteure bundesstaatlicher Governance. Hierzu erfolgt zunächst eine institutionelle Kontextualisierung der Gerichte, um sodann das von ihnen gehandhabte judizielle Management von Interaktionsformen im Bundesstaat anhand ihrer Rechtsprechung zu umreißen. Abschließend versucht der Beitrag eine kurze Evaluation der Relevanz der Gerichte für die Dynamik insbesondere der bundesstaatlichen Kompetenzallokation und umreißt einige Forschungsdesiderate für die weitere Befassung mit Verfassungsgerichten im modernen Bundesstaat. ## The author provides an outline of constitutional courts and constitutional review in the Federal Republic of Germany, Austria and Switzerland with particular reference to federalism. In these political systems, constitutional courts and the highest federal courts respectively form part of a complex separation-of-powers system, performing, time and again, as federal umpires and judicial managers of forms and rules governing multilevel interactions. In particular, they are gate-keepers for adaptation processes concerning the allocation of powers and competences in federal systems. The chapter ends with a comparative evaluation of the performance of the courts and sets out a brief overview of possible future approaches to comparative research in the field.
File Ralf Rogowski: Constitutional courts as autopoietic organisations
Der Beitrag beschreibt Verfassungsgerichte als selbstreferentiell operierende autopoietische Systeme. Er definiert sie mit Hilfe neuerer Sozialsystemtheorie als autopoietische Organisationen, die in der Lage sind, genügend kognitive Komplexität zu generieren, um sich selbst zu regulieren. Dies wird in drei Bereichen demonstriert: Autonomie in der Fallselektion und im Management des Geschäftsanfalls; Rekursivität in der Entscheidungsfindung; und folgenorientierte Rechtsdogmatik, die reflexiv mit Erkenntnissen über die Wirkungen von Verfassungsgerichten umgeht. Im abschließenden Teil wird die Rolle von Verfassungsgerichten als Akteure im strukturellen Kopplungsbereich von Recht und Politik analysiert. ## The chapter proposes to conceptualise constitutional courts as self-referentially operating, autopoietic systems. From a perspective of social systems theory, constitutional courts are autopoietic organisations that are capable of generating sufficient cognitive complexity to regulate themselves. This is demonstrated in relation to three aspects of constitutional court practice: autonomy in docket control, recursive decision-making and the development of consequentialist legal doctrine that makes reflexive use of information concerning the court’s own impact. In the final section, the chapter assesses the role of autopoietic constitutional courts operating in the zone of structural coupling between the legal and the political system.
File Sascha Kneip: Verfassungsgerichte im Prozess der Demokratisierung − Der Einfluss des Bundesverfassungsgerichts auf Konsolidierung und Qualität der bundesdeutschen Demokratie
Die Transformation eines autoritären (oder gar totalitären) politischen Systems in eine funktionierende konstitutionelle Demokratie ist ein komplexer Prozess. Bisher hat die Forschung der Frage, welchen Beitrag Gerichte – und hier insbesondere Verfassungsgerichte – für die Konsolidierung junger Demokratien leisten und inwiefern sie die demokratische Entwicklung und Qualität eines Landes beeinflussen können, noch zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Der vorliegende Beitrag widmet sich diesen Fragen in drei Schritten. Zunächst will er theoretisch erfassen, welchen Beitrag Verfassungsgerichte zur Konsolidierung von jungen Demokratien leisten können. In einem zweiten Schritt verbindet er die politikwissenschaftliche Debatte um die Messung der Qualität von Demokratie mit der Frage, inwiefern Verfassungsgerichte zu einer erhöhten demokratischen Qualität beitragen können, um dann auf dieser Basis am Beispiel der Bundesrepublik zu diskutieren, inwiefern das Bundesverfassungsgericht die Konsolidierung der bundesdeutschen Demokratie hat unter-stützen und ob es die Qualität der deutschen Demokratie schon zu Beginn der Konsolidierungsphase hat stärken und erhöhen können. ## The transformation of an authoritarian (or even totalitarian) political system into a functioning constitutional democracy is a long and complex process. Existing research has not focused sufficiently on the contribution that courts – in particular constitutional courts – can make in consolidating young democracies and on the extent to which they can influence the democratic development and quality of a country. The present chapter addresses these issues in three stages. First, it considers from a theoretical point of view the contribution that constitutional courts can make to the consolidation of young democracies. In doing so, it draws on the considerable literature concerning the role of constitutional courts in a democracy and connects this with results from transformation research. Second, it links political science debates on how to measure the quality of democracy with the discussion on how far constitutional courts contribute to greater democratic quality. This leads on to the final part, taking the Federal Republic of Germany as a case-study. In this connection, it examines the extent to which the German Federal Constitutional Court has supported the consolidation of democracy in the Federal Republic of Germany and considers whether from the outset of the consolidation phase it has succeeded in strengthening and improving the quality of German democracy.
File Uwe Kranenpohl: Was macht eigentlich Karlsruhe? Die Entscheidungsfindung des Bundesverfassungsgerichts aus sozialwissenschaftlich-empirischer Perspektive
Aus sozialwissenschaftlicher Sicht tritt beim Bundesverfassungsgerichts dessen ‚politischer‘ Charakter besonders hervor, vor allem durch seine Eingriffsmöglichkeiten auf den politischen Prozess, die in der Praxis über die Rolle eines reinen ‚Vetospielers‘ deutlich hinausgehen. Ein weiterer Blick auf die Binnenprozesse des Gerichts offenbart aber auch, dass in den internen Entscheidungsabläufen juristische Argumente deutlich gegenüber politischen dominieren. Dies ist nicht nur ein Resultat der Sachnotwendigkeiten eines Gerichts, sondern insbesondere der spezifischen Gestaltung der Beratungssituation geschuldet, die (Verfassungs-)Gerichte nicht unausweichlich in dieser Weise gestalten müssen, aber sich in eine gerichtliche ‚Situationsdefinition‘ leicht einordnen lassen. ## From a social science perspective, the German Federal Constitutional Court seems undoubtedly ‘political’. Its important role in the political process cannot be underestimated, with interventions going beyond that of a simple veto. However, on closer examination, it may be observed that not political but legal reasoning dominates in the decision-making processes of the court. This results not only from the necessary features of a court but is also rooted in the specific style of problem-solving established by the Federal Constitutional Court. Accordingly, it is not unreasonable that this style appears ‘juridical’. However, this outcome is in no way inevitable.
File Gary S. Schaal / Kelly Lancaster / Alexander Struwe: Deutungsmacht und Konfliktdynamiken − Eine Analyse der Akzeptanz von Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts
Das Bundesverfassungsgericht ist unbestritten ein bedeutender Motor gesellschaftlicher Integration. Im Modus der autoritativen Deutung konstitutioneller Normen gelang es dem Gericht immer wieder, weitgehende Akzeptanz für seine Interpretationen herzustellen. Dieser Erfolg lässt sich nur aus einer prozessualen Perspektive adäquat nachvollziehen, indem das Konzept der Konfliktdynamik für die Analyse fruchtbar gemacht wird. Der Beitrag erarbeitet ein theoretisches Modell anhand der Kategorien von Akzeptanz und Deutungsmacht, mithilfe derer sich vier prototypische Verläufe der Genese von Akzeptanz ablesen lassen. In einer diskurstheoretischen Analyse der massenmedialen Berichterstattung über Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts der letzten Jahre werden die vier Formen der Konfliktdynamiken schließlich empirisch plausibilisiert. ## There is no doubt that the German Federal Constitutional Court is an important engine of societal integration. Time and again, through its authoritative interpretation of constitutional norms, the Federal Constitutional Court has succeeded in establishing general acceptance for its interpretations. To understand fully its success in doing so, a procedural perspective needs to be adopted, taking account of the notion of conflict dynamics. Using the categories of acceptance and interpretive power (Deutungsmacht), the article develops a theoretical model to articulate four prototypical modes by which acceptance may be established. Discourse theory-based analysis of the news coverage of Federal Constitutional Court decisions provides an empirical validation of our theoretical framework.
File Thomas Gawron: Das ferne Gericht − Wirkungsanalysen zum Verhältnis zwischen Bundesverfassungsgericht und Verwaltungsbehörden
Obwohl Fragen nach Effektivität und Wirkung von Recht zum Kernbestand rechtssoziologischer Theoriebildung und Forschungspraxis gehören, fehlt es – zumindest im deutschsprachigen Raum – fast vollständig an Untersuchungen zu Wirkungen von Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts auf das Verwaltungshandeln. Der Beitrag geht erneut der Frage nach, wie sich die tatsächliche Wirkung des Bundesverfassungsgerichtes über den Einzelfall hinaus bestimmen lässt. Er schließt an den von Ralf Rogowski und dem Autor entwickelten wirkungstheoretischen Ansatz an. Der Verfasser formuliert erste Überlegungen, das Forschungsfeld zu erschließen. Die zentrale These lautet, dass der hohe Autonomiegrad, über den Verwaltungen verfügen, die von Verfassung wegen geforderte Ausrichtung an Recht und Gesetz teilweise leer laufen lässt. ## Although questions concerning the effectiveness and impact of law are central to the theory and research practice of sociology of law, research on the impact of decisions of the German Federal Constitutional Court – at least in German-language literature – is virtually absent. This chapter revisits the question of how to assess the impact of the Federal Constitutional Court on administrative action beyond the ambit of an individual case. It seeks to build on the theoretical approach to the impact of courts developed by Ralf Rogowski and the author and offers an initial analysis with a view to filling this research void. The central argument advanced is that the considerable degree of autonomy granted to administrative authorities counteracts to some extent the constitutional requirement to respect the principles of law and justice.
File Theo Öhlinger: Die Verfassungsgerichtsbarkeit in Österreich − Der Wandel von Funktion und Methode in einer neunzigjährigen Geschichte
Der österreichische Verfassungsgerichtshof wurde 1920 errichtet. In seiner vergleichsweise langen Geschichte entwickelte er unterschiedliche Funktionen. Von den Verfassungsvätern wurde er als ein Schiedsrichter in Kompetenzkonflikten zwischen dem Bundesparlament und den Landtagen konzipiert. Von Anfang an verstand er sich auch als Hüter der Spielregeln der parlamentarischen Demokratie. Die Grundrechte spielten als Maßstab der Gesetzesprüfung zunächst nur eine marginale Rolle. Erst in den 1980er Jahren entwickelte er eine dynamische Judikatur auf diesem Gebiet. Das machte ihn zu einem Gegenspieler des Parlaments; er gewann in der medialen Öffentlichkeit hohe Aufmerksamkeit und Anerkennung. ## The Austrian Constitutional Court was established in 1920. During its comparatively long period of existence it has developed various functions. The authors of the constitution intended it to function as an arbiter resolving disputes on competence between the federal and state parliaments. From the outset, however, the court also took on the role as guardian of the rules of parliamentary democracy. Initially, fundamental rights remained merely peripheral to the court’s review of legislation. It was not until the 1980s that it developed a sophisticated case-law in this area. As a result, it became seen increasingly as an adversary of parliament but, at the same time, came to enjoy considerable media presence and recognition.
File Judith Wyttenbach: Gerichtliche Normenkontrolle in der Schweiz
Das Bundesgericht übt in der Schweiz grundsätzlich auch die Verfassungsgerichtsbarkeit aus, namentlich zur Kontrolle von kantonalen Erlassen und vorfrageweise zur Kontrolle von untergesetzlichen Bundeserlassen. Die Verfassungsgerichtsbarkeit gegenüber Bundesgesetzen ist nach Massgabe von Art. 190 BV und im Rahmen der dazu entwickelten Bundesgerichtspraxis eingeschränkt. Rechtsanwendungsbehörden und Gerichte sind grundsätzlich an Bundesgesetze gebunden, selbst wenn diese verfassungswidrig sind. Allerdings ist das Bundesgericht bestrebt, Bundesgesetze in Einklang mit der Verfassung auszulegen. Zudem leitet es aus Art. 190 BV zwar ein Anwendungsgebot, nicht aber ein Prüfungsverbot ab. Eine Prüfung kann folglich zu Appellentscheiden an die Adresse des Gesetzgebers führen. Schliesslich geniessen Bundesgesetze keine Immunität im Verhältnis zu Normen der ratifizierten internationalen und regionalen Menschenrechtsübereinkommen. Gleichwohl hat das heutige System verschiedene negative Auswirkungen sowohl auf den Grundrechtsschutz und die Durchsetzung weiterer rechtsstaatlicher Grundsätze als auch auf die Kontrolle der Einhaltung der bundesstaatlichen Kompetenzverteilung. ## The Swiss Federal Supreme Court acts as a constitutional court to review cantonal primary and secondary legislation (both concrete and abstract review). It may also review federal secondary legislation, but only in the context of reviewing administrative acts (concrete judicial review of regulations). In contrast, Article 190 of the Swiss Constitution entails that federal statutes adopted by the Federal Assembly should not be subject to constitutional review. Federal statutes have to be applied by cantonal and federal administrations and courts even if they are unconstitutional. However, the Federal Supreme Court aims to construe the statutes in accordance with the Swiss Constitution. Furthermore, the court interprets Article 190 as a duty to apply federal statutes, but not as a prohibition to examine their constitutionality. Consequently, the court has to apply the statute in a given case but can express an opinion addressed to parliament. The court may suspend the application of federal primary law to resolve a conflict with international law, but only if such conflict was not predicted and intended by parliament. In any event, the court has ruled that international human rights law always takes priority over federal statutes. The present system has negative consequences for the protection of basic rights, the enforcement of other constitutional principles and the upholding of the allocation of legislative competences within the federal state.
File Tarek Naguib: Halbdirekte Demokratie und Rechtsstaat im Konflikt: Quo vadis?
Der Beitrag beleuchtet die eidgenössische Diskussion zum Umgang mit menschenrechts- und grundrechtswidrigen Volksinitiativen und Bundesgesetzen. Nach geltendem Verfassungsrecht bestehen grundsätzliche Widersprüche zwischen dem Prinzip der (halbdirekten) Demokratie einerseits und dem Rechtsstaatsprinzip andererseits. Erstens wird kritisiert, dass Volk und Stände mittels Volksinitiative Verfassungsrecht einführen können, das die Grund- und Menschenrechte verletzt. Eine Volksinitiative gelangt nur dann nicht zur Abstimmung, wenn sie vom Bundesparlament wegen Verletzung von zwingendem Völkerrecht für ungültig erklärt wurde. Zweitens wird moniert, dass verfassungswidrige Bundesgesetze angewendet werden müssen. Eine Verfassungsgerichtsbarkeit gegenüber Bundesgesetzen sieht das schweizerische Recht derzeit nicht vor. ## This contribution deals with the Swiss debate on how to deal with popular initiatives and federal laws that violate fundamental or human rights. The present constitutional system results in fundamental contradictions between the principle of direct democracy, on the one hand, and the rule of law, on the other. First, by popular initiative, the Swiss people may establish constitutional law that violates fundamental or human rights. A popular initiative will be put to the vote unless the Swiss Parliament declares it void for violation of mandatory international law. The second point of criticism is the fact that federal laws must be applied even if they are unconstitutional. This is because the current Swiss system does not provide for judicial review (by a constitutional court) of federal law.
File Kriszta Kovács / Gábor Attila Tóth: Aufstieg und Krise: Wirkung der deutschen Verfassungsgerichtsbarkeit auf Ungarn
Dieser Artikel vergleicht die Vergangenheit und Gegenwart der ungarischen Verfassungsgerichtsbarkeit mit der Institution und Praxis des deutschen Bundesverfassungsgerichts. Er besteht aus vier Teilen: Zuerst werden die wichtigsten Standpunkte innerhalb der Diskussion nachvollzogen, die sich um die Frage der Legitimität der richterlicher Kontrolle von gesetzgeberischen Entscheidungen entsponnen hat. Im anschließenden Teil wird dargestellt, inwiefern die Schaffung eines von dem normalen Instanzenzug getrennten Verfassungsgerichts in Ungarn im Jahre 1989 dem Modell der deutschen Nachkriegstradition folgte. Das Verfassungsgericht Ungarns orientierte sich, wie der dritte Teil zeigt, während der zwei Jahrzehnte seines Bestehens kontinuierlich an der Verfahrensweise und an den Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts. Der letzte Teil des Artikels vergleicht die 2010 veränderten Kompetenzen des ungarischen Verfassungsgerichts, zu dem seitdem auch eine Verfassungsbeschwerde erhoben werden kann, mit der erneut als Referenz dienenden deutschen Lösung. Der Beitrag zeigt, dass die allgemein verbreitete Meinung differenziert betrachtet werden muss, wonach der ungarischen Verfassungsgerichtsbar-keit das deutsche Modell zugrundeliegt. Es wird argumentiert, dass das deutsche institutionelle Modell und die Urteilspraxis des Bundesverfassungsgerichts in der Mehrzahl der Fälle nicht mehr darstellen als eine reine Bezugsgrundlage. ## This chapter compares the past and present of the Hungarian Constitutional Court with the institutional design and practice of the German Federal Constitutional Court. It consists of four parts. The first part sets out the main positions in the theoretical discussion on how judicial review can be justified in a democratic system. The second part shows that, in the process of political transition in 1989, in establishing a separate constitutional court, the authors of the Hungarian constitution partly followed the German model. In the first two decades of adjudication, the Hungarian Constitutional Court took account of the procedural and substantive solutions developed by the German Federal Constitutional Court. This is shown in the third part of the text. The final part of the chapter compares the new competence of the Hungarian Constitutional Court to hear full constitutional complaints introduced in 2011 with its German counterpart. The chapter qualifies the widely-held view that Hungarian constitutional adjudication is closely based on the German model. It argues that the German institutional model and the case-law of the German Federal Constitutional Court served in the majority of the cases as little more than a simple point of reference.
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